Das arme Mädchen musste sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen, und musste so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang…

Dieser Satz steht am Anfang des Märchens „Frau Holle“ und gibt gleichsam das Grundthema des Textes vor: Die Arbeit als Kristallisationspunkt sozialer Beziehungen. Die Goldmarie gehört nicht wirklich zum Verbund der Familie. Sie ist das Stiefkind, dass von der Mutter und ihrer leiblicher Tochter – der Pechmarie – bis zum Umfallen zum Spinnen gezwungen wird während Sie ein Leben frei von den Mühen der Arbeit fröhnen. Die Goldmarie also als Symbol die ausgebeuteten Proletarier und Proletarierinnen die den Reichtum schaffen für das gute Leben der Herrschenden? Und wer sind heute die Ausgebeuteten? Wer die Ausbeuter und wie könnte es aussehen – das gute Leben?


Umweht nicht ein Hauch vom Gute Leben jene Unterwelt in der die Goldmarie erwacht nach ihrem Sturz in den Brunnen? Eine Welt der beseelten Dinge, die zu ihr sprechen und in der sie der urmütterliche Frau Holle treu zu Diensten steht. Als Lohn „dafür hatte sie auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort, und alle Tage Gesottenes und Gebratenes“, heißt es im Märchen.

„Am ersten Tag“, heißt es von ihr „tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde.“ Aber ist diese Haltung, sich Gewalt anzutun, wenn wir in die Arbeit gehen, nicht  viel zeitgemäßer und uns bekannter, als die der Goldmarie? Gibt es im Zeitalter der Obsoleszenz überhaupt eine andere Haltung, als die der Pechmarie?

Fragen über Fragen die bei unserer Lektüre der Frau Holle in ihrer gesellschaftspolitischen Dringlichkeit hervortraten und nach Antworten schreien.

Wir gingen den Fragen nach am 19.05. und am 14.04. 2016